Goethes 'Farbenlehre' (1810) und die Lehren von den Farben und vom Färben (Stadt- und Industriemuseum Wetzlar)
Konzeption: Anja Eichler (Städtische Museen Wetzlar), Marcel Baumgartner (Institut für Kunstgeschichte der JLU Gießen)
Ein ›Prolog: Iris‹ und ein ›Epilog: Dämmerung‹ bilden den Rahmen der Ausstellung im Stadt-und Industriemuseum Wetzlar. Sie sind jenen farbigen Erscheinungen der ›meteorologischen Optik‹ gewidmet, die immer wieder von neuem das Staunen der Menschen erregt und ihre forschende Neugier herausgefordert haben: dem Regenbogen (griechisch: ›Iris‹) und den Dämmerungsphänomenen; bei den hier gezeigten Objekten reicht das Spektrum von René Descartes' grundlegender wissenschaftlicher Erklärung des Regenbogens in seinem ›Discours de la méthode‹ (1637) bis hin zu zwei 2005 entstandenen Sonnenuntergangsbildern des 1959 geborenen Künstlers Adrian Schiess und einem eigens für die Ausstellung entstandenen Gemälde von Leopold Schropp (*1939). – Zwischen diesen beiden Klammern wird das Thema der Ausstellung in sechs Kapiteln entfaltet.
Die bahnbrechende Publikation ›Opticks‹ (1704) von Isaac Newton und der Siegeszug seiner Theorie waren für Goethe ein Stein des Anstoßes, dem seine ›Farbenlehre‹ zu wesentlichen Teilen ihre Entstehung verdankt. In Kapitel eins und zwei werden die beiden Publikationen mit Dokumenten zu ihrer Rezeption historisch kontextualisiert.
Im umfangreichen, in mehrere Abschnitte gegliederten dritten Kapitel ›Historische Farbenlehren und Farbsysteme‹ wird zum einen eine Auswahl jener Optik-Traktate und Farbenlehren gezeigt, auf die Goethe sich im ›historischen Teil‹ seines Buchs explizit bezieht – von dem 1549 erschienenen Büchlein ›Aristotelis vel Theophrasti de coloribus libellus‹ über die Abhandlungen von Franciscus Aguilonius (›Opticorum libri VI‹, 1613) und Athanasius Kircher (›Ars magna lucis et umbrae‹, 1646) bis hin zu Ignaz Schiffermüllers ›Versuch eines Farbensystems‹ (1771), Johann Heinrich Lamberts ›Farbenpyramide‹ (1772) und schließlich Philipp Otto Runges im gleichen Jahr wie Goethes ›Farbenlehre‹ erschienene ›Farbenkugel‹. In der Zeit nach Goethe gewinnen die Publikationen des Chemikers Michel Eugène Chevreul über den Simultankontrast besondere Bedeutung für die Malerei; einen weiteren Schwerpunkt bilden die Werke von Wilhelm Ostwald (1853-1932).
Mit anderen Arten von Systematiken haben wir es bei den Färbebüchern, den Farbstoffsammlungen sowie bei den Farbatlanten und Musterbüchern zu tun, die in der Zeit vor der industriellen Herstellung der Farben Auskunft gegeben haben über ihre Gewinnung aus pflanzlichen, mineralischen und tierischen Ausgangsstoffen und die bis heute abzielen auf ihre praktische Anwendung sowohl in der Kunst als auch im Handwerk, in der Industrie und in den unterschiedlichsten Bereichen des Alltags (Kapitel 4: ›Farbatlanten, Färbebücher, Farbstoffe‹).
Über all dem stand aber auch immer wieder die Frage nach der Stellung der Farben in einem übergeordneten Ganzen. Dafür stehen Heinrich Khunraths ›Amphitheatrum Sapientiae Aeternae‹, Hanau 1609, oder die (für Runge außerordentlich wichtigen) ›Theosophischen Werke‹ von Jakob Böhme, Amsterdam 1682 (Kapitel 5: ›Weltbilder‹) ebenso wie die seit der Antike immer wieder unternommenen Versuche, Farbskalen und Tonleitern zueinander in Beziehung zu setzen. Dem Thema ›Farbe und Musik‹, das für zahlreiche Komponisten des späten 19. und des 20. Jahrhunderts – von Alexander Skrjabin und Arnold Schönberg bis Karlheinz Stockhausen – von zentraler Bedeutung war, ist deshalb das sechste Kapitel gewidmet.
Pier Andrea Saccardo,
Chromotaxia, Padua 1894
Farbtafel aus
Michel Eugène Chevreul, De la loi du contraste simultané, 1839
Alexander Laszlo, Farblichtmusik, 1925
